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Arbeitssuche: Gen Boomer & Gen X - Ich bin doch nicht doof!

Endlich den lang ersehnten, bisher immer nur gedachten Blog schreiben. Über meine frustrierende Arbeitssuche. Jawohl. Der letztendliche Anstoß dazu kam aus einer ganz ungeahnten Ecke und zwar beim Lesen der Frauenzeitschrift BRIGITTE. In meinem Lieblingscafé an der Amper (nahe München) bei einer Tasse Cappuccino lese ich:

 

„Doch bei Bewerbungen fliegen sie schon in der ersten Runde raus: 'Zu teuer, zu kritisch, zu alt' — lautet der Subtext. Und so mahnte kürzlich sogar der Kanzler: Bevor man darüber nachdenke, das Rentenalter weiter anzuheben, müsse man erst mal die Beschäftigungsperspektiven der 58- bis 62-Jährigen verbessern. Wumms!“
Brigitte, Artikel „Bye-bye Job!“ - Ausgabe 04 / 2024 vom 31. Januar 2024

 

Wenige Zeilen, die alles aussagen! Ein Hoch auf den Journalismus. Auch wenn hier von der Generation der Baby Boomer gesprochen wird – den bis heute geburtenstärksten Jahrgängen von 1957 bis 1969*  – so ist der Satz auch für mich gültig, Gen X, Jahrgang 1970. Denn die Frage der "Beschäftigungsperspektive", wie Bundeskanzler Olaf Scholz hier zitiert wurde, beginnt schon ab 45. Ab diesem Alter gehört man nämlich in der Wirtschaft schon "zum alten Eisen".


Zu meiner Person: Ich bin 53 Jahre alt, Mutter zweier Kinder die beide mittlerweile über 20 sind. Mit 42 Jahren verließ ich die Firma, für die ich sehr lange gearbeitet hatte. Fast genau 1 Jahr lang musste ich suchen bis ich wieder eine Anstellung fand. Nach 4 Jahren versuchte ich es erneut. Beide Male musste ich leidvoll erfahren, wie alt man sich mit Anfang 40 und wie viel älter man sich mit Mitte 40 auf dem Arbeitsmarkt fühlen kann. Mit im Paket bei der Jobsuche: Frust, Ärger, Unverständnis, Zweifel.

Eigentlich bin ich das Beispiel von gelungener Integration eines Gastarbeiter-Kindes. Kompetenz, multikulturell und Resilienz sind dabei nur drei meiner Qualitäten. Im Süden Deutschlands geboren gehöre ich zu der Generation der gut Ausgebildeten, weil ich das Abitur & Hochschul-Diplom (der Betriebswirtschaft in meinem Fall) in der Tasche habe.

Zum Hintergrund: In den 1990er Jahren waren in der Bundesrepublik Deutschland ca. 10 - 12% Kinder mit Migrationshintergrund am Gymnasium. Laut einer Studie der Universität Potsdam „Die Schule und die Ausländerkinder“ (von 1994) waren es 1991 in Bayern, wo ich aufgewachsen bin, sogar nur 3,7%. Man könnte jetzt die Daten noch weiter herunterbrechen, in dem man sich den familiären Hintergrund ansieht, wie einige Studien es machen. In meinem Fall - Gastarbeiterkinder der 1. Generation, beide Eltern armer Herkunft und mit niedrigen Abschlüssen - wäre die Prozentzahl damit noch kleiner. Und dabei betrachtet man noch nicht einmal das Studium. Aber okay. Soweit die Hintergrundinformationen.



Also: Bin ich wirklich zu teuer? Bin ich viel zu kritisch? Oder bin ich schlichtweg zu alt für den Arbeitsmarkt? Habe keine Energie mehr, keine Ideen, kann nichts mehr lernen, etc. Glaubt mir, ich habe mir diese und noch viel mehr Fragen selber gestellt.

 

Zu teuer? 


  • Naja, es gibt tatsächlich einige, die ein sehr hohes Gehalt bezogen haben. Ich gehöre aber nicht dazu. Wie sagte mein Chef damals so schön als ich Produkt Manager für eine große IT-Firma war? Das Team in München wäre "billig" für die Firma gewesen... Und als ich kündigte merkte ich zum ersten Mal, dass ich tatsächlich unterbezahlt war. Aber hey! Der Mann ist ja derjenige, der für die Familie sorgt! Nur in meinem Fall war es umgekehrt gewesen. Aber ich will ja nicht kleinlich sein.

  • Weil ich angeblich so teuer war, kann man mir jetzt nur ein Einstiegsgehalt zahlen. Ich habe tatsächlich solche Angebote während meiner Jobsuche erhalten. Arbeitserfahrung wird ja überwertet, nicht wahr?

 

Zu kritisch? 


  • Nun, die Schulbildung damals sollte das unabhängige Denken fördern. Hat man uns zumindest erzählt.

  • Gehört kritisches Denken in der westlichen Welt und in Europa nicht zu den Errungenschaften der Aufklärung? War es nicht das Ziel, dass sich Vernunft, Geist, Freiheit und Moral ausbreiten und verbessern sollen? Die Politikwissenschaft z.B. verweist immer wieder auf das kritische Denken; wir wir von Platon bis zur Moderne, siehe Jürgen Habermas, sehen können. In der "Kritischen Theorie" der Frankfurter Schule zum Beispiel spricht Habermas von einem freien, selbständigen Denken quasi als Bürgerpflicht! Da muss ich also etwas mißverstanden haben. Denn interessanterweise wird das "kritische Denken" in der Arbeitswelt nicht gerne gesehen. Wie sagte ein Chef einmal so schön zu mir? „Natalie, du bist nicht zum Denken da, sondern zum Arbeiten.“ Während eines Länder-Treffens sagte ein anderer: „Ich stelle euch alle an die Wand und erschieße euch, wenn ihr nicht performt!“ Damit ist wohl alles gesagt.

  • Ich kann mich nicht nur meines Verstandes bedienen, sondern ich bin auch noch kreativ, empathisch und kann Zusammenhänge sehr gut erfassen. D.h. meine Kritik ist immer eingebettet in Möglichkeiten und Lösungen. Und mich muss auch keiner motivieren. Das mache ich von ganz alleine.

  • Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt, d.h. ich bin kundenorientiert. Dazu noch pflichtbewusst, ordentlich, pünktlich…. Ausgestattet mit allen Arbeitgeber-freundlichen Eigenschaften. Und wenn ich dann mal kritisch sage, dass dies unseren Kunden nicht dient, dass ich mich mit dem Vertrieb regelmäßig austausche, mit den technischen Consultants und vielen anderen Abteilungen und Leuten, regelmäßig (weil ich das in meiner Naivität als Pflicht ansehe) – dann kann man so eine Haltung natürlich kritisch beäugen.

  • Die Wechseljahre bei den Frauen (und die sog. Midlife-crisis bei den Männern) verlangt förmlich danach, die eigenen Muster kritisch zu hinterfragen. Es kommt quasi mit im Paket des Wechsels und des Lebens. Der innere Drang nach Authentizität wird immer größer. Wer den Mut hat, im Einklang mit sich selbst authentisch zu sein, der weiß wovon ich spreche. Wer das macht wächst manchmal soger in eine Vorbildrolle hinein und wird role model. Mir zum Beispiel machte es sehr viel Freude, mit jungen Leuten zu arbeiten. Dadurch war ich manchmal in einer Mentor-Rolle; inoffiziell natürlich. Ein tolles Gefühl, Lebenserfahrung weitergeben zu können.

 

Zu alt? 


  • Zu alt = zu viel Erfahrung? Um weniger Zeit für viele Dinge zu benötigen, weil ich nicht mehr durch eine Anfänger-Lernkurve durchgehen muss? Definitiv!

  • Um kreativ zu sein? Absolut nicht! Entspricht nicht meiner Persönlichkeit.

  • Sich zu begeistern? War noch nie mein Problem gewesen.

  • Zum Lernen? Also, für meinen Teil gilt das überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Ich langweile mich bei unterfordernden Aufgaben.

  • Für Belastung? Ich würde eher sagen, zu alt für Bullshit. Seit ich Mutter bin (seit über 23 Jahren) habe ich einfach keine Zeit & Verständnis mehr für dumme Meetings, bei denen sich die einen in ihrem Glanz oder ihrer Unwissenheit sonnen, die anderen sich durch mangelnde Arbeitsethik auszeichnen und der Rest sich im Bullshit Marketing, Dummheit, Hierarchiekämpfen und Politik verfangen. Ich will schließlich arbeiten!

  • Wofür ich definitiv zu alt bin: sinnbefreite Assessment-Tage (ich weiß tatsächlich wer ich bin, was ich kann und was ich nicht kann) und Probetage, an denen nur Wettbewersinterna abgegraben werden sollen. Ich soll mich vermarkten? Wirklich??


Bei der Jobsuche

 

Als ich aus der IT-Industrie ausgestiegen bin und mich für alle möglichen Jobs in allen möglichen Bereichen beworben habe, musste ich feststellen, dass ich immer wieder gegen diese Mauern lief:

  1. Das Gehalt: War mir weniger wichtig als Zufriedenheit und Freude im Job. Solange die Bezahlung angemessen wäre. Darüber kann man doch reden, oder?

  2. Die Optik: Gerade bei meinen Bewerbungen in der Gastronomie und Hotellerie wurde schnell klar: Bitte nur junge Frauen; vorzugweise gutaussehend. Mir war als Kunde noch nie bewusst, dass ich nur von schönen, jungen Menschen bedient werden will... Liegt vielleicht an meiner Kurzsichtigkeit? Das ich viele Sprachen verstehe und Englisch fließend spreche, fit in der IT bin - geschenkt.

  3. Der Algorithmus: Die schöne neue Welt der Software, wo man die Altersdiskriminierung gleich mit einprogrammieren kann. Dabei steuerten meine Kinder bereits auf die Volljährigkeit zu und ich hätte jetzt viel mehr Zeit als in den Jahren zuvor gehabt! Kein Stress mehr bei Krankheiten oder ausgefallenen Schultagen und dergleichen. Ich habe ja Verständnis, dass manche eine Flut von Bewerbungen erhält. Aber wieso soll ich meine Daten in irgendein System einklopfen, wo ich doch weiß, man wird niemals wieder auf mich zukommen wird? Hatte ich Bullshit-Marketing schon erwähnt?

  4. Vergleiche mit früher: Ich wurde immer wieder mit früheren Generationen verglichen. Man hat ja schließlich „Erfahrungswerte“. Jede Generation ist anders, nicht wahr? Wir leben heute ja auch nicht mehr wie unsere Mütter und Väter.

  5. Überqualifizierung: Stimmte oft, aber manchmal auch nicht. Und selbst wenn ich bei den wenigen Gesprächen dann eine 4 Tage-Woche zu geringerem Gehalt angeboten hatte (für Jobs, die ich auch in 3 Tagen hätte erledigen können), man rümpfte nur die Nase bei größeren Firmen. Und bei ganz kleinen Unternehmen, selbst in meiner Stadt, hatte ich kein einziges Vorstellungsgespräch erhalten!

  6. Sonstiges: Fake Stellenanzeigen, keine Absagen oder emails, die über ein Jahr später kamen, viel zu komplizierte Portale, Manager, die nicht wissen, nach was sie eigentlich suchen, etc. etc. etc.

 

Zusammenfassung


Ich könnte noch viel mehr Punkte aufzählen und zusätzlich von ähnlichen Erfahrungen von Freunden und Kollegen berichten. Für das Thema Agentur für Arbeit bräuchte ich ein gesondertes Kapitel. Was folgte nun aus der frustierenden Jobsuche? Seit der Corona-Pandemie sehe ich einige offene Stellen, wenn ich durch die Straßen meiner Stadt laufe. Aber bewerben tue ich mich schon lange nicht mehr. Ich glaube auch nicht mehr, dass ich an meiner Bewerbung hätte feilen sollen. Und ich glaube schon lange nicht mehr, dass wir einen Fachkräftemangel in Deutschland haben. Nach mehr als 170 Bewerbungen habe ich mich 2018 für einen anderen Weg entschieden... Wohin? Das sieht man hier auf meiner Webseite. Und wenn heute jemand zu mir kommt und Probleme im Beruf hat, sich verändern möchte oder einfach nicht mehr weiter weiß, dann kann ich die Person nicht nur verstehen, sondern ihr tatsächlich helfen.


Alles Liebe,

Eure Natalie


*Bezüglich des Zeitrahmens ist man sich übrigens nicht einig. Wann beginnt die Zeitrechnung für Baby Boomer? Jedes Land geht da seinen eigenen Weg. Die Amerikaner z.B. fangen direkt nach dem 2. WK an zu zählen, d.h. von 1946 – 1964. In der ehemaligen DDR nahm man den Zeitrahmen von 1960 bis 1975 (in der Literatur werden aber die Westdeutschen Zahlen als Referenz genommen). Wer mehr wissen möchte, kann dazu gerne im Netz forschen. Zur Info: Ich habe hier den Zeitraum des Statistischen Bundesamtes (Destatis) als Referenz genommen.

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