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"Träume sind Schäume" - Oder wie man einer Sage ihrer Weisheit berauben kann

Während der Vorbereitung zu einem Vortrag über Träume im Januar 2024 wollte ich mich näher mit dem deutschen Sprichwort "Träume sind Schäume" beschäftigen und machte mich deshalb auf die Suche. Zu meiner großen Überraschung fand ich während meiner Recherche den Originaltext falsch zitiert und komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Und damit seiner ganzen Weisheit und Erkenntnissen beraubt!


Interessant war auch, dass die Erzählung auf unterschiedlichen Webseiten und Blogartikeln vielfach falsch zitiert wurde - mit kleinen Ergänzungen oder Weglassungen - um damit weiter zur Unklarheit beizutragen. Hinzu kam, dass man auch nur rudimentär versuchte, den Sinn Erzählung auf den Grund zu gehen. Um das machen zu können, benötigt man Wissen um die Bildsprache der Märchen und Träume. Ich möchte hier versuchen, ein ganzheitlicheres Bild zu malen.



TRAUM VOM SCHATZ AUF DER BRÜCKE


Agricola: Sprichwort '623.

Der ungewissenhafte Apotheker, S. 132.

Prätorius Wünschelruthe 372. 373.

Quelle: Deutsche Sagen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), Kassel 1816/18, Nr. 211.


„Es hat auf ein Zeit einem getraumt, er solle gen Regensburg gehen auf die Brücken, da sollt er reich werden. Er ist auch hingangen und da er einen Tag oder vierzehn allda gangen hat, ist ein reicher Kaufmann zu ihm kommen, der sich wunderte, was er alle Tag auf der Brücke mache und ihn fragte: was er da suche? Dieser antwortete: „es hat mir getraumt, ich soll gen Regensburg auf die Brücke gehen, da würde ich reich werden.“ „Ach, sagte der Kaufmann, was redest du von Träumen, Träume sind Schäume und Lügen; mir hat auch getraumt, daß unter jenem großen Baume (und zeigte ihm den Baum) ein großer Kessel mit Geld begraben sey, aber ich acht sein nicht, denn Träume sind Schäume.“ Da ging der andere hin, grub unter dem Baum ein, fand einen großen Schatz, der ihn reich machte und sein Traum wurde ihm bestätigt.
Agricola fügt hinzu: „das hab ich oftmals von meinem lieben Vater gehört.“ Es wird aber auch von andern Städten erzählt, wie von Lübeck (Kempen), wo einem Beckerknecht träumt, er werde einen Schatz auf der Brücke finden. Als er oft darauf hin und hergeht, redet ihn ein Bettler an und fragt nach der Ursache, und sagt hernach, ihm habe getraumt, daß auf dem Kirchhof zu Möllen unter einer Linde (zu Dordrecht unter einem Strauche) ein Schatz liege, aber er wolle den Weg nicht daran wenden. Der Beckerknecht antwortet: „ja es träumt einem oft närrisch Ding, ich will mich meines Traums begeben und euch meinen Brückenschatz vermachen;“ geht aber hin und hebt den Schatz unter der Linde.“

So lautet der Originaltext, der in der alten Sütterlinschrift (von 1911) geschrieben steht und dankenswerter Weise in die heutige Deutsche Schriftsprache übertragen wurde. Nachdem ich die Sütterlinschrift noch lesen kann, ist diese "Übersetzung" treffend. Somit haben wir die Basis, um uns mit der Bild- und Symbolsprache beider Texte auseinanderzusetzen.


Bild- und Symbolsprache


Widmen wir uns jetzt den sieben wichtigsten Aspekten beider Geschichten:

  • Im Zentrum der Sage? - Steht ein Traum

  • Ort? - Zwei bedeutende Kaufmannsstädte in Deutschland, Regensburg und Lübeck

  • Treffpunkt? - Brücke

  • Wer? - Zwei Männer: Ein Suchender und einer, der ihn anspricht

  • Was? - Schatz

  • Unterschiede? - Glaube versus Unglaube bzw. Untätigkeit

  • Fund? - Unter einem Baum begraben (in der Erde)


Gehen wir nun einen Schritt tiefer:

Im Zentrum der Sage steht ein Traum. Ich finde es spannend, dass es im Text einmal heißt "es hat (...) einen geträumt" und "wo einem (...) träumt". Wir sagen heute ja "ich träume". Ich stelle mir die Frage, ob uns heute, unterbewusst, bewusst ist, dass wir träumen? Dass Träume aus uns selbst kommen? Weil wir uns unserer Selbst mehr bewusst werden? Oder dachte man früher, Träume werden einem geschickt? Wer weiß...


In beiden Erzählungen geht es um bedeutende Kaufmannsstädte, die mit zu den ältesten Städten Deutschlands gehören und lange Zeit Knotenpunkte im nationalen wie europaweiten Handel waren. Regensburg liegt an der Donau und wurde vor über 2000 Jahren zum ersten Mal als Stadt schriftlich erwähnt. Ihren eigentlich Ursprung hatte die Domstadt aber bereits 5000 vor Christus! In der Zeit von 1050 soll sie sogar größer als Rom oder Köln gewesen sein! Lübeck war über 500 Jahre lang die Königin der Hanse. An der Ostsee gelegen war ihre Lage ideal für intensiven Handel mit Skandinavien und dem Baltikum. Es ist interessant zu sehen, dass der Träumende seinen Reichtum gerade in diesen reichen Städten startet und einmal sogar findet.


Beide Städte haben zahlreiche Brücken. Je größer die Städte wurden, desto wichtiger wurden die Brücken, die Übergänge über die Flüsse ermöglichten. Bei Regensburg zum Beispiel über den Fluss Regen und bei Lübeck über die Trave, die Wakenitz und später den Elbe-Lübeck-Kanal. Die berühmte Steinerne Brücke von Regensburg wurde von 1135 bis 1146 erbaut und steigerte in den kommenden Jahrhunderten weiter den Wohlstand der Stadt. Die älteste Steinbrücke von Lübeck ist die sog. Puppenbrücke, die älteste Holzbrücke ist die Holstenbrücke, die 1216 zum ersten Mal Erwähnung fand. Das Symbol der Brücke lässt sich ihrem tatsächlichen Zweck entnehmen: Verbindung und Übergang. Beides Mal über das Wasser (Sinnbild der Gefühle in unseren Träumen).


In beiden Erzählungen stehen Männer im Mittelpunkt. In der ersten Erzählung wird keine nähere Aussage gemacht. In Träumen steht der männliche Aspekt für die Handlungskraft in uns. In der zweiten Erzählung wird sogar von einem Bäckerknecht gesprochen (heute: Bäckergeselle). Die Bäcker-Innung gibt es heute noch in Deutschland und ist damit eine der ältesten Bruderschaften Deutschlands. Noch heute ist es Teil der Satzung, dass der Gemeinsinn gepflegt werden soll. Der Geselle ist kein Lehrling mehr und noch nicht Meister. Zwischen allen drei ist laut Satzung "ein gutes Verhältnis anzustreben". Das Brot gehört zu den wichtigsten Nahrungsmitteln in fast jeder Kultur auf der ganzen Welt.


Der Traum spricht von einem Schatz. Im ersten sogar von einem großen "Kessel mit Geld". Instinktiv denken wir bei Reichtum sofort an materiellen Reichtum, Geld oder sogar Gold. In vielen Irischen Märchen zum Beispiel sehen wir immer wieder diesen "Topf voll Gold". Manchmal liegt er unter einem Regenbogen, manchmal sind Kobolde involviert. Diese beiden Träume bedienen sich aber keiner Mystik mehr, sondern sind sehr präzise. Fast wie eine Landkarte. Aber der letzte Abschnitt der Landkarte fehlt hier, denn die Route geht nur bis zur Brücke. Der weitere Weg muss selbst herausgefunden werden.


Der Träumer benötigt dafür einen weiteren Hinweis. So einfach lässt sich der Schatz nämlich nicht heben. Es bedarf dabei der Kommunikation mit anderen Personen, die Hinweise liefern. Alleine kommt man nicht weiter. Der eine Hinweis kommt in Gestalt eines reichen Kaufmanns und der andere in Gestalt eines Bettlers. Der reiche Kaufmann glaubt nicht mehr an seine Träume. Er sagt, dass sie - übersetzt - inhaltslos sind, nicht real, keine Bedeutung haben; ja, sogar lügen! Der Bettler glaubt seinem Traum zwar noch, aber will die Mühen nicht mehr auf sich nehmen, zu dem Ort zu gehen und ihn auszugraben. Sind beide Sinnbilder nicht passend für unsere heutige Zeit? Schließlich sollen wir in unserer heutigen materiellen Welt unseren Träumen nicht mehr folgen. Und viele "arme" Leute haben ihre Tatkraft, ihre Handlungskraft schon längst aufgegeben. Der eine pflegt also seinen Un-Glauben, verbreitet sogar Lügen und der andere ist sich seiner Un-Tätigkeit sogar bewusst und lässt sich sogar obendrein noch eine Illusion aufschwatzen.


Wo aber findet sich der Schatz? Der Suchende aber hört aufmerksam, erkennt die Hinweise, ist schlau, behält seine Erkenntnisse für sich und schreitet sofort zur Tat! Sein Schatz befindet sich unter einem Baum begraben. In der ersten Geschichte ist er bereits so nah, dass der Kaufmann auf ihn zeigen kann! In der zweiten Geschichte muss der Suchende nach Möllen gehen. Welches Möllen ist hier gemeint? Vielleicht das 7-Stunden zu Fuß von Lübeck entfernte heutige Mölln? Bekannt ist der Ort nämlich für seine Linde, die sogenannte Eulenspiegel-Linde, benannt nach Till Eulenspiegel, Deutschlands bekanntesten Volksnarren, der dort begraben sein soll. Die Linde dort ist über 200 Jahre alt. Linden können übrigens noch älter werden. Zeugnis dafür ist zum Beispiel die 1000-jährige Linde auf der Fraueninsel oder die Edignalinde in Puch, in der Nachbargemeinde meines Wohnortes in Fürstenfeldbruck (Bayern). Die Linde gilt als das Symbol der Göttin Freya, die für die Liebe steht und Hüterin des Feuers und des Friedens. Sie steht auch für Herzlichkeit (Blätter in Form eines Herzens), Gemeinschaft (steht deshalb in der Ortsmitte oder bei Kirchen und Kapellen), Güte und Mütterlichkeit. Was ist das Geheimnis ihrer Langlebigkeit? "Die Linde verjüngt sich auch von innen, die vom greisen Stamm Richtung Boden wachsen." Erdverbundenheit, Naturverbundenheit, Verwurzelung, Früchte, Sinnbild des Lebens - das und viel mehr symbolisiert uns der Baum.


So stellt sich die Frage...


Geht es um einen materiellen Schatz oder einen immateriellen Schatz? Oder vielleicht um beides? Ein Schatz, der erst durch Innenschau (Traum), Handlungs- und Tatkraft (Mann, Aktion), Erd- und Lebensverbundenheit (Baum) - über Herzlichkeit, Güte, Liebe und Frieden - uns zu unserem Innersten führt. Hier wohnt unser aller Anfang. Dazu gehört auch die Gemeinschaft und das Mütterliche. In uns selbst (und dann im Miteinander). Das erwärmt unser Herz, das bringt Langlebigkeit, Zufriedenheit und Glück. Der Schlüssel dieses Glückes liegt im Erdreich vergraben, am Fuße eines Baumes. Die Linde steht bei der Kirche und wird oft auch Marien-Linde genannt. In der christlichen Zeit Sinnbild für Maria, die Mutter Gottes - und die Liebe zu ihrem Sohn, Jesus. Wie steht es bei uns mit der Liebe zu unseren Kindern? An was glauben wir? Nach welchem Wertesystem leben wir? Diese Fragen, die uns immer tiefer zu uns führen - bis an die Wurzeln (siehe Baum) - führen uns dann letztendlich zu äußerem Reichtum: dem Schatz, dem Kessel mit Geld.


Wie sieht also deine innere Suche aus? Welcher Traum schlummert tief in dir?














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